An vPAC (Virtual Protection, Automation and Control) arbeiten verschiedene Organisationstypen, und die Rollen sind dabei meist sauber getrennt. Die IEC erstellt die Normen. CIGRE erarbeitet die technische Grundlage und bündelt Betriebserfahrung. Die vPAC Alliance definiert eine herstellerübergreifende Referenzarchitektur, und LF Energy entwickelt die quelloffenen Implementierungen. Eine eigene Norm mit der Bezeichnung „vPAC“ gibt es nicht.
IEC: Die Normen
Die International Electrotechnical Commission (IEC) erstellt die Normen selbst, also die normativen Dokumente, auf die sich alles andere bezieht. Grundlage jeder digitalen Schaltanlage und damit jeder vPAC-Umsetzung ist die IEC 61850-Reihe. Innerhalb der IEC liegt sie beim Technical Committee 57 (Power Systems Management and Associated Information Exchange) und dort konkret bei der Arbeitsgruppe WG 10.
In der WG 10 kümmert sich die Virtualisation Task Force um genau diese Frage: Was macht Virtualisierung mit der Norm? Der Knackpunkt ist die Modellierung. Wie beschreibt man ein virtuelles IED und die Rechenplattform darunter in der Substation Configuration Language (SCL), sodass eine virtualisierte Anlage vollständig und herstellerunabhängig dokumentiert ist? Solange das offen ist, bleibt das Engineering einer vPAC-Anlage in Teilen herstellerspezifisch, und damit fällt ein gutes Stück des Nutzens weg.
Drei weitere Normen sind ergänzend relevant: IEC 62351 für die Cybersicherheit der Kommunikation, IEC 62443 für Systeme und Komponenten sowie IEC 61850-3 für die Umgebungsanforderungen an die Hardware.
CIGRE: Grundlagenarbeit und Betriebserfahrung
CIGRE (Conseil International des Grands Réseaux Électriques) ist ein internationaler Fachverband der Energiewirtschaft. Normen veröffentlicht CIGRE nicht, sondern Technical Brochures: gebündelter Stand der Technik plus das, was Netzbetreiber im Betrieb tatsächlich erlebt haben. Was dort steht, findet später meist den Weg in Normen und Spezifikationen.
Zuständig ist das Study Committee B5 (Protection and Automation). Den Großteil der vPAC-Arbeit trägt derzeit eine Arbeitsgruppe.
WG B5.84
WG B5.84 ist die derzeit maßgebliche Gruppe für vPAC. Ihr Titel lautet „Recommendations and constraints for development and interfacing of virtual Intelligent Electronic Device implemented in Protection, Automation and Control Systems“. Sie erarbeitet Empfehlungen für Netzbetreiber zur Spezifikation, Konfiguration, Prüfung und Instandhaltung virtueller IEDs und behandelt dabei sowohl VM-basierte als auch containerbasierte Umsetzungen.
Zwischen dem IEC TC 57 und dem CIGRE SC B5 besteht eine Liaison der Kategorie A. Die Ergebnisse der B5-Arbeitsgruppen fließen dadurch direkt in die Normungsarbeit ein.
vPAC Alliance: Die Referenzarchitektur
Die vPAC Alliance ist ein Industriekonsortium aus Netzbetreibern, Schutzgeräteherstellern sowie Server- und Softwareanbietern. Gegründet wurde sie, um eine offene, interoperable und cybersichere Architektur für virtualisierte Schutz- und Leittechnik zu definieren.
Herausgekommen sind gemeinsame Spezifikationen, Referenzarchitekturen und Interoperabilitätstests zwischen Produkten unterschiedlicher Hersteller.
Die Allianz normt nicht. Sie beantwortet eine andere Frage: Wie fügt man die vorhandenen Normen zu einem System zusammen, das tatsächlich funktioniert, und wo müssen Schnittstellen schärfer gefasst werden, damit das gelingt? Welotec, seit 2025 Teil der Westermo-Unternehmensgruppe, ist Mitglied.
LF Energy: Die quelloffene Implementierung
LF Energy ist eine Open-Source-Stiftung unter dem Dach der Linux Foundation. Sie liefert Lizenzrahmen, Entwicklungsprozesse und technische Steuerungsgremien, macht aber keine Architekturvorgaben.
Für die digitale Schaltanlage gehören dazu SEAPATH als Virtualisierungsplattform für vPAC-Anwendungen, CoMPAS für die IEC 61850-Konfiguration sowie FledgePOWER für die Protokollumsetzung.
CoMPAS nutzt OpenSCD als SCL-Editor-Frontend. OpenSCD selbst ist jedoch ein eigenständiges Community-Projekt. Es entstand bei OMICRON und steht nicht unter der Governance von LF Energy. Welotec, seit 2025 Teil der Westermo-Unternehmensgruppe, ist ebenfalls Mitglied.
UCA International Users Group: Konformitätsprüfung
Die UCA International Users Group betreibt die Konformitäts- und Interoperabilitätsprüfung für IEC 61850. Sie pflegt außerdem die Tissues-Datenbank, in der Auslegungsfragen zur Norm dokumentiert und geklärt werden.
Für die praktische Interoperabilität virtualisierter Anwendungen ist das der Ort, an dem sich zeigt, ob die Theorie auch in realen Systemen funktioniert. Westermo einschließlich Welotec ist Mitglied.
Rollenübersicht
| Organisation | Art | Rolle bei vPAC | Wesentliche Ergebnisse |
| IEC – TC 57, WG 10, Virtualisation Task Force | Internationale Normungsorganisation | Erstellt die Normen und klärt die Modellierung virtueller IEDs in SCL | IEC 61850-Reihe, IEC 62351, IEC 61850-3 |
| CIGRE – SC B5, insbesondere WG B5.84 | Internationaler Fachverband | Erarbeitet Grundlagen, Empfehlungen und Betriebserfahrung | Technical Brochures, u. a. TB 891 (WG B5.60), laufende Arbeiten in WG B5.84 und B5.77 |
| vPAC Alliance | Industriekonsortium | Definiert die Referenzarchitektur | Spezifikationen und Interoperabilitätstests |
| LF Energy | Open-Source-Stiftung | Entwickelt Implementierungen | SEAPATH, CoMPAS, FledgePOWER und weitere Projekte |
| UCA International Users Group | Anwendervereinigung | Prüft Konformität und Interoperabilität | Zertifizierungsverfahren und Tissues-Datenbank |
| IEEE (PES / PSRC) | Internationale Standardisierungsorganisation | Erarbeitet Basistechnologien wie Zeitsynchronisation und Hardware-Robustheit sowie Schutzrichtlinien | IEEE 1588 (PTP), IEEE 1613, PSRC Special Reports |
| EPRI | US-Forschungsinstitut | Führt herstellerneutrale Labor-Benchmarks und Feldversuche für Betreiber durch | Testframeworks und Best Practices für den Serverbetrieb |
| ENTSO-E / E.DSO | Netzbetreiber-Dachverbände | Definieren funktionale Betreiberanforderungen und europäische Anwendungsprofile | Harmonisierte Interoperabilitätsprofile und TSO/DSO-Roadmaps |
| NIST | US-Standardisierungsbehörde | Definiert Smart-Grid- und Cybersecurity-Frameworks | NIST SP 800-Reihe und Smart Grid Interoperability Framework |
Tabelle 1 — Organisationen, die an Standardisierung, Referenzarchitekturen, Implementierungen, Interoperabilität und unterstützenden Technologien für vPAC arbeiten.
Auf einen Blick
- Es gibt keine eigenständige Norm mit dem Namen „vPAC“
- Die IEC entwickelt die normativen Standards, insbesondere die IEC 61850-Reihe
- CIGRE liefert technische Grundlagen und Betriebserfahrungen aus der Praxis
- Die vPAC Alliance definiert eine herstellerübergreifende Referenzarchitektur
- LF Energy entwickelt Open-Source-Projekte wie SEAPATH, CoMPAS und FledgePOWER
- Die UCA International Users Group prüft Konformität und Interoperabilität
- Weitere wichtige Organisationen sind IEEE, EPRI, ENTSO-E, E.DSO und NIST
Kurz gesagt: CIGRE erarbeitet die Grundlage, die IEC normt sie, die vPAC Alliance definiert die Architektur, LF Energy liefert den Code, und die UCA International Users Group prüft nach, ob das Ergebnis tatsächlich zusammenspielt.