Die vier Begriffe bezeichnen vier verschiedene Dinge. vPAC (Virtual Protection, Automation and Control) ist ein technisches Konzept. Die vPAC Alliance ist ein Industriekonsortium. LF Energy ist eine Open-Source-Stiftung. Und SEAPATH ist konkrete Software, gehostet von LF Energy, mit der sich vPAC umsetzen lässt.
vPAC ist ein Konzept
vPAC steht für Virtual Protection, Automation and Control. Gemeint ist der Ansatz, Schutz-, Automatisierungs- und Steuerungsfunktionen eines Umspannwerks als Software auf allgemeiner Rechenhardware laufen zu lassen statt auf dedizierten Schutzgeräten.
vPAC ist weder ein Produkt noch eine Organisation oder Norm. Das Konzept macht keine Vorgaben zur technischen Umsetzung. Ob ein proprietärer Hypervisor, eine Open-Source-Plattform oder eine Kombination aus beiden eingesetzt wird, bleibt dem Anwender überlassen.
Die vPAC Alliance ist ein Industriekonsortium
Die vPAC Alliance ist ein Zusammenschluss von Netzbetreibern, Schutzgeräteherstellern sowie Server- und Softwareanbietern. Ziel ist eine offene, interoperable und cybersichere Architektur für virtualisierte Schutz- und Leittechnik.
Die Arbeit der Allianz führt zu gemeinsamen Spezifikationen, Referenzarchitekturen und Interoperabilitätstests. Eigene Normen oder Software entwickelt sie nicht.
Ihre Aufgabe besteht vielmehr darin, Hersteller und Anwender auf gemeinsame technische Rahmenbedingungen auszurichten. Welotec, seit 2025 Teil der Westermo-Unternehmensgruppe, ist Mitglied.
LF Energy ist eine Open-Source-Stiftung
LF Energy ist eine Stiftung unter dem Dach der Linux Foundation und unterstützt die Energiewende durch die Entwicklung und Förderung quelloffener Software.
Für die digitale Schaltanlage sind insbesondere die Projekte SEAPATH für die Virtualisierung, CoMPAS für die IEC-61850-Konfiguration und FledgePOWER für die Protokollumsetzung relevant.
OpenSCD wird häufig im gleichen Zusammenhang genannt, ist jedoch ein unabhängiges Community-Projekt und gehört nicht zur Governance von LF Energy.
LF Energy stellt Lizenzrahmen, Entwicklungsprozesse und technische Steuerungsgremien bereit. Architekturvorgaben gehören ausdrücklich nicht zu ihren Aufgaben.
SEAPATH ist Software
SEAPATH steht für Software Enabled Automation Platform and Artifacts (Therein) und ist ein Projekt von LF Energy.
Obwohl SEAPATH häufig als Hypervisor-Plattform bezeichnet wird, enthält es keinen eigenen Hypervisor. Stattdessen stellt es eine Referenzarchitektur sowie einen gehärteten und getesteten Software-Stack auf Basis bewährter Open-Source-Komponenten bereit.
Dazu gehören KVM und QEMU für die Virtualisierung, libvirt für das Management, Pacemaker und Corosync für Hochverfügbarkeit, Ceph für verteilten Speicher sowie Open vSwitch für die Netzwerkkommunikation. Alle Komponenten sind auf die Echtzeit- und Zeitsynchronisationsanforderungen von IEC 61850 ausgelegt.
SEAPATH-Releases
Version 1.0 (5. Februar 2025)
Der erste vollständig produktionsreife Stand. Die Version führte die zuvor getrennten Entwicklungszweige zusammen und unterstützte sowohl Debian als auch Yocto.
Version 2.0 (19. Juni 2026)
Mit Version 2.0 wurden wesentliche Erweiterungen eingeführt, darunter die Unterstützung von Debian 13 und The Yocto Project Wrynose, die Speicherverwaltung über cephadm, Hochverfügbarkeit für containerisierte Workloads mit Podman sowie automatisierte CI/CD-Pipelines für wöchentliche und offizielle Releases.
Besonders hervorzuheben ist die gleichberechtigte Unterstützung beider Deployment-Modelle. Während Debian eine paketbasierte und einfach zu wartende Plattform bietet, ermöglicht Yocto vollständig reproduzierbare Builds aus dem Quellcode. Gleichzeitig wurde das Hochverfügbarkeitskonzept von virtuellen Maschinen auf Container erweitert.
SEAPATH im praktischen Einsatz
Die Entwicklung von SEAPATH wurde maßgeblich durch den französischen Übertragungsnetzbetreiber RTE vorangetrieben, der für seine neue PACS-Generation R#SPACE eine geeignete Virtualisierungsplattform benötigte.
Das erste produktive Umspannwerk auf Basis von SEAPATH, eine 63-kV-Anlage, ist seit Dezember 2023 in Betrieb. Ein weiterer Standort folgte 2024, drei zusätzliche Projekte waren für 2025 geplant. Langfristig plant RTE die Einführung in 100 Umspannwerken bis 2030.
An Version 1.0 waren unter anderem RTE, Alliander, GE Vernova, Savoir-faire Linux, Red Hat und Welotec beteiligt. Zu den Mitwirkenden von Version 2.0 zählen Savoir-faire Linux, RTE, Sprecher Automation, ABB, Red Hat, CIRCE und Elia. Im Technical Steering Committee sind GE Vernova, RTE, Savoir-faire Linux, Schneider Electric und Welotec vertreten.
Gegenüberstellung
| Kategorie | vPAC | vPAC Alliance | LF Energy | SEAPATH |
| Was es ist | Technisches Konzept | Industriekonsortium | Open-Source-Stiftung | Softwareplattform und Referenzarchitektur |
| Ergebnis | Keines, es handelt sich um einen Ansatz | Spezifikationen und Interoperabilitätstests | Governance, Open-Source-Lizenzen und Prozesse | Lauffähige Software, Dokumentation und Releases |
| Außenwirkung | Vermittelt das technische Konzept | Branchenkommunikation und Herstellerkoordination | Open-Source-Community und Veranstaltungen | Demos, Proofs of Concept und technische Umsetzung |
| Herstellergebunden | Nein | Nein, herstellerübergreifend | Nein | Nein, hardware- und herstellerunabhängig |
| Beantwortet die Frage | Was wollen wir erreichen? | Wie soll die Architektur aussehen? | Wie entwickeln wir gemeinsam? | Womit bauen wir es? |
| Welotec beteiligt | Anbieter von Substation-Computing-Hardware | Mitglied | Beitragende Organisation | Mitglied des Technical Steering Committee |
Tabelle 1 – Die Unterschiede zwischen vPAC, der vPAC Alliance, LF Energy und SEAPATH im Überblick.
Häufige Missverständnisse
vPAC und die vPAC Alliance sind nicht dasselbe.
vPAC ist das technische Konzept. Die vPAC Alliance ist die Organisation, die sich für interoperable Umsetzungen einsetzt.
SEAPATH ist nicht die einzige Möglichkeit, vPAC umzusetzen.
SEAPATH ist derzeit die bekannteste Open-Source-Plattform, daneben existieren jedoch auch proprietäre Virtualisierungslösungen.
SEAPATH ist kein eigener Hypervisor.
Die Plattform nutzt bewährte Open-Source-Komponenten und konfiguriert diese gemäß einer definierten Referenzarchitektur.
vPAC Alliance und LF Energy konkurrieren nicht miteinander.
Die Alliance beschreibt die Zielarchitektur, während LF Energy mit Projekten wie SEAPATH konkrete Implementierungen bereitstellt. Mehrere Unternehmen, darunter Welotec, sind in beiden Organisationen aktiv.
Auf einen Blick
- vPAC ist ein technisches Konzept für virtualisierte Schutz-, Automatisierungs- und Steuerungssysteme
- Die vPAC Alliance fördert herstellerübergreifende Interoperabilität
- LF Energy ist eine Open-Source-Stiftung unter dem Dach der Linux Foundation
- SEAPATH ist ein LF-Energy-Projekt für virtuelle Umgebungen in digitalen Schaltanlagen
- SEAPATH basiert auf bewährten Open-Source-Technologien wie KVM, QEMU, Ceph und Open vSwitch
- Version 1.0 wurde im Februar 2025 veröffentlicht
- Version 2.0 erschien im Juni 2026 und unterstützt erstmals hochverfügbare Container-Workloads
- RTE plant den Einsatz von SEAPATH in 100 Umspannwerken bis 2030
Kurz gesagt: vPAC beschreibt das Ziel, die vPAC Alliance definiert die Architektur, LF Energy stellt das Open-Source-Ökosystem bereit, und SEAPATH liefert die Software, mit der das Konzept praktisch umgesetzt werden kann.